| |
Nichts für Schmerzempfindliche
• • • • • (bewertet mit 2 von 5 Punkten)
Für Menschen, die eine Außenbeziehung haben oder für Menschen, die die Rolle der/des Geliebten innehaben, ist dieses Buch gut geeignet, um die eigene Position zu reflektieren, vorhandene Schuldgefühle abzubauen und sowohl einen Überblick über die Ursachen wie auch über die möglichen Umgehensweisen mit der Situation zu erhalten.
Wenig geeignet ist das Buch meines Erachtens für den Partner/die Partnerin desjenigen, der die Außenbeziehung hat. Zumindest bei mir wurden ständig so viele Schmerzpunkte berührt, dass ich die Lektüre immer wieder unterbrechen musste, weil das Weiterlesen zu schmerzhaft war. Der erlebte Schmerz des betroffenen Partners (ich nenne es ungern "Betrogene/r", weil moralische Wertungen nicht das sind, worum es geht) wird vom Autor zwar kurz in seinen verschiedenen Varianten analytisch beschrieben, aber was mir persönlich in diesem Zusammenhang gefehlt hat, war ein gewisses Maß an Empathie für die Heftigkeit des Schmerzes.
Wenn dann noch als "richtiger Umgang" mit der Affäre des Partners nahegelegt wird, zum Beispiel einfach 'respektvoll wegzusehen' - in völliger Ignoranz des entstehenden Schmerzes und der Auswirkungen, die eine hinzukommende dritte Person für das Paarsystem hat - stelle ich an meiner Reaktion beim Lesen fest, dass dies, zumindest für mich, ein Umgang mit der Situation wäre, der den damit verbundenen Emotionen in keinster Weise gerecht wird und reine Verdrängung wäre.
Wo für mich das Maß beim Lesen endgültig voll war, war an der Stelle, wo der Autor betroffenen Partner/-innen nahelegt zu überlegen, wie man mit der möglichen nächsten Affäre des Partners (also der Affäre, die als nächstes nach der bereits geschehenen Affäre kommt) so umgeht, dass die Affäre mein Leben sogar BEREICHERT (!) anstatt es zu belasten.
Zumindest aus meiner Sicht ist ein solcher permissiver Umgang mit Affären das Aus jeglicher partnerschaftlicher Intimität und echten Einlassens aufeinander. Zweifellos muss jedes Paar für sich selbst entscheiden, ob Innigkeit und tiefe emotionale Verbundenheit die Grundlage seiner Partnerschaft sein soll oder ob die Verbindung eher freundschaftlich-distanzierten Charakters sein soll. In letzterem Fall ist ein entspannter und toleranter Umgang mit Affären ganz sicher nicht sonderlich schwer zu bewerkstelligen. Für Menschen, deren Glückserfahrungen sich in der Partnerschaft hingegen nicht zuletzt auf Einzigartigkeit, Nicht-Austauschbarkeit, Hingabe und eine tiefe Herzensverbindung begründen, dürfte das gelassene Tolerieren ständig neuer Affären des Partners einer wirklich erfüllten Partnerschaft jedoch im Wege stehen.
Mein Fazit: Ein tolles Buch für Menschen, die mit dem Thema Untreue locker und entspannt umgehen wollen. Ein schmerzhaftes Buch für Menschen, die Wert auf Tiefe in der Partnerschaft legen.
Eine Rezension von Sarah Grand >
vom 14. Januar 2010 |