Die Geschichte einer Entfremdung (Die Geburt von Religion aus dem Geiste verlorenen Glaubens)
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Im Kampf um Gott: Roman (Taschenbuch) Freud schätzte sie, Nietzsche wollte sie und Rilke hatte sie. Oder sollte man eher sagen, sie wusste sich die Männer dienstbar zu machen. Die Rede ist von Lou Andreas-Salomé. Als freie Schriftstellerin verfasste sie zahlreiche psychologische Schriften, Rezensionen, Essays, Erzählungen und Romane. Zu unrecht hat man Lou Andreas-Salomé als Prosa-Autorin vergessen. Ihren Debütroman Im Kampf um Gott" veröffentlichte sie 1885 mit 24 Jahren unter dem Pseudonym Henry Lou. Im Januar diesen Jahres (2007) wurde ihr Erstlingswerk im Deutschen Taschenbuch Verlag neu aufgelegt.

"Wenn Lou mit einem Mann zusammenkommt, dann bringt er neun Monate später ein Buch zu Welt.", so lauten Worte missgünstiger Zeitgenossen über Lou. Sie besaß einen ungewöhnlich starken Willen und die Freude daran, über Männer zu triumphieren. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist Rainer Maria Rilke. In der Literaturwissenschaft wird sie oft als Muse großer Literaten bezeichnet. Jedoch wird ihr dies in keinster Weise gerecht. Lou verfügte über einen hoch entwickelten Intellekt, was sie durch ihre Autorentätigkeit unter beweis stellt. 1885 erscheint im angesehenen Wilhelm Friedrich Verlag in Leipzig ein Roman mit dem Titel "Im Kampf um Gott". Herausgegeben wir das Buch von einem Verlag, der auch Theodor Fontanes "Schach von Wuthenow" oder Karl Bleibtreus "Revolution der Literatur" veröffentlicht.

"Im Kampf um Gott" ist das Romandebüt von einem bislang noch unbekannten Henri Lou. Blad jedoch ist klar, dass es sich bei diesem Namen um das Pseudonym einer gewissen Louise von Salomé handelt, welche sich aus Rücksicht auf ihre Familie dafür entscheidet.

Am 12. Februar 1861 wird Lou in St. Petersburg geboren. Als sechstes Kind des deutsch-baltischen Ehepaars Gustav von Salomé und Louise Wilm steht sie künstlerischen und wissenschaftlichen Diskursen ihrer Zeit offen gegenüber. Den schmalen Grat zwischen Psychologie und Literatur scheut sie zu keiner Zeit und nimmt 1880 als eine der ersten Frauen das Studium der Theologie und Kunstgeschichte in Zürich auf. Bald darauf schreibt sie ihr Buch "Im Kampf um Gott".

Der Romantitel ist Programm. Autobiographisch erzählt Lou Andreas-Salomé die aufwühlende Geschichte eines Mannes, der zeitlebens um seinen Glauben ringt. Alt, einsam und umrankt von Gerüchten über seine Vergangenheit, malt die Rahmengeschichte das Bild eines Mannes, der keine Beziehung mehr zu anderen Menschen unterhält. Anlass genug für die Bewohner des kleinen Bergdorfes ihn als "Geisterbeschwörer" oder "Zauberer" zu sehen. Wie es dazu gekommen ist, wird nun aus verschiedenen Perspektiven in der Binnenerzählung rekonstruiert. Eine schmerzvolle Entfremdung zu Gott zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Handlung. Der Weg des Mannes ist gesäumt von Kampf, Schmerz und Tod. Wo man auch hinblickt, sterben jene, mit denen er als Liebender, Tyrann oder Vater in Beziehung stand. Sie finden keinen Halt in seiner Persönlichkeit und gehen daran zu Grunde. Nicht zuletzt, weil er selbst haltlos in einer von moralischen und religiösen Dogmen geprägten Zeit als Freigeist lebt.

Detailliert werden viele Lebensmomente beschrieben. Der Protagonist wendet sich vom Glauben und der Familie ab und lässt sich von seinen Leidenschaften treiben. Doch führt eben dieser Lebensweg auch zu neuen Einsichten und - endlich auch zu einem neuen und festeren Glauben. Die Entwicklung des Charakters wird deutlich in den Dialogen, Monologen und essayistischen Elementen, die die Erzählung dominieren. Vielfach fühlt man sich beim Lesen an psychologische Ansätze oder theologische Diskurse erinnert, die - manchmal etwas langatmig - Lous eigene Weltanschauung zu Tage fördern. Einfühlsam entwickelt die Autorin die Geschichte des Protagonisten zu einem Psychogramm einer Zeit, die kreative geistige und emotionale Bewegungen eines freien Individuums als Störfaktor empfindet. Das kritische Hinterfragen moralischer und religiöser Dogmen endet schließlich - nahezu zwingend - in einer Einsamkeit und Verkennung des Mannes durch die Gesellschaft.

Tiefsinnig und facettenreich schreibt hier Lou Andreas-Salomé einen Weltanschauungsroman über Gott und Glaube in einer gottlosen Welt. Man bleibt nicht an oberflächlichen Betrachtungen hängen sondern wird mitgenommen in geistreiche philosophische und theologische Überlegungen.

Der Roman umfaßt 265 Seiten sowie ein interpretatorisches Nachwort von Hans-Rüdiger Schwab. Es handelt sich um einen durchaus lesenswerten kurzweiligen Roman, der sich zur Abwechslung mal nicht mit sakrilegischen Verschwörungstheorien oder flacher Hobby-Psychologie beschäftigt. Vielmehr wird eine geistreiche Unterhaltung geboten, die zum selber- und weiterdenken einlädt.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 13. Februar 2007
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1. "Jedes Glauben schafft sich sein Erfahren."(Lou von Salomé)
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