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Der heilige Schein.
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Aus fremder Seele: Eine Spätherbstgeschichte (Taschenbuch) "Es ward schon oft in tiefer Brust Die beste Menschenkraft geboren Aus einem heiligen Verlust."
Wenn Vertrauen erschüttert wird, entstehen Brüche. So ist Kurt, der Adoptivsohn des Pastors Theo Arnsfeldt, aus einen Internat in Genf während der Schulferien ins heimatliche Dorf zurückgekehrt und erlebt mit seinem Vater eine dramatische Veränderung. In seinem von zu Hause entfernten Leben entsteht in ihm eine manifeste Glaubenskrise, eine persönliche Distanz im Denken und im Widerspruch zum Vater, der diese Distanz und fehlende Liebe wiederum als Besinnung auf sein wahres Selbst als notwendig heranzieht. Ihm und so seinem Sohn wird deutlich, dass eine "Lebenslüge" die bisherige Tragfläche des Lebens und des Zusammenseins bildete und dass mit der Offenbarung der Wahrheit eine neue Bedürftigkeit, eine neue Lebensorientierung notwendig wurde. Der Pfarrer, um seinen Sohn zu retten aus der Verzweiflung und um seine Liebe zu ihm wahrhaft zu zeugen, entfernt sich von all seinen bisherigen Predigten. Diese waren letztendlich nur auf die vorgestellten Bedürfnisse der Dorfbewohner gerichtet und mit den passenden Bibelstellen beliebig garniert. Mit der Offenbarung des Pfarrers gegenüber der Gemeinde, nicht den Geist seiner Worte wirklich zu teilen, zerbricht eine Hoffnung auf ein Jenseits, eine Hoffnung und ein Glaube an eine Kirche, weil diese christliche Gemeinschaft mit der fehlenden Identität des Pfarrers von Sein und Predigt eine Welt zerbrechen sah. Dem Sohn zerbricht die Hoffnung auf ein neues Leben. Dem Pfarrer zerbricht die Hoffnung auf ein friedliches Alter. Doch am Ende wird die Einmaligkeit dieser neuen Predigt zur Bestätigung der alten durch den Nachfolger. Und Rieke, eine alte Dorfbewohnerin, zerbricht an der Zeitenwende und wird zur Närrin abgestempelt.
Lou hebt aber auch die Frau in den Mittelpunkt, so wie sie es für ihre Zeit der Veränderung und zur Demonstration ihrer eigenen Haltung propagiert. Babette, die Haushälterin des Pfarrers, wird zur Mitwisserin und durch das späte Wort des Pfarrers zur nachträglichen Gestalterin seines Lebens. Nicht zufällig vielleicht ist diese Auferstehung des Pfarrers gebunden an die biblische Nähe von Frauen bei Jesus. Wurde Maria nach der Kreuzigung zur Mutter der Christen ernannt, ist es auch eine Frau, die als Erstzeugin der österlichen Auferstehung gilt. So wie Babette im Arbeitszimmer die Erstzeugin eines neuen Lebensweges des Pfarrers für Lou werden musste.
Für Lou Salomé ist diese Erzählung eine konsequente Fortführung ihres lesenswerten Erstlings ->Im Kampf um Gott: Roman<- aus dem Jahre 1895, ein Jahr vor dieser Erzählung, den sie noch unter dem Pseudonym "Henri Lou" verfasste. Auch hier ist gilt es, den Kern der Liebe zu erforschen und darin ihre Zerbrechlichkeit offen zulegen.
Wie aktuell Lou Andreas-Salomé zu lesen ist, zeigt sich an der aktuellen Situation der Kirche. Wenn Traditionelle und Erneuerer der Kirche sich so massiv gegenüberstehen, ist es nicht verwunderlich, dass die Austritte dramatisch steigen. Wenn die Kirche verkennt, dass Vertrauen auch in der Aufdeckung aller Mängel und allem Mißbrauchs der Vergangenheit nicht heißen darf, im übertragenen Sinne, Gras wachsen zu sehen, dann muss sie ihren Auftrag als Mitglied der Gesellschaft in ihrem Ursprung als Gemeinschaft überdenken. Wer sich den Menschen in ihren Fragen und Sehnsüchten nicht mehr stellt, wird zur Sekte der Dabeibleibenden, zum heiligen Rest und für die anderen zum Feld der Ignoranz. Gerade an Ostern könnte der Wandel nicht besser sich präsentieren. Auferstehung meint auch, auferstehen in neuem heiligen Geist. Dass es nicht schnell geht, sei als notwendig vorausgesetzt, dass aber Bewegung sein muss ohne Spaltung, bedarf eines Zeichens; so wie Paulus keine Institution erleben wollte, sondern eine mit- und zuwirkende Gemeinde, in der auch die brennenden Fragen, was Fortschritt und Freiheit bedeutet, aus neuem Sinn beantworten werden könnten.
"So bringt der Spätherbst Helle ins Haus." Lou Salomé erzwingt mit der Metaphorik der Jahreszeiten eine Geschichte des Wandels, eine Geschichte, die Lebenslügen als falsch erkennt und eine Hoffnung bereitstellt, seiner Selbst gewiss zu sein. Wenn am Ende eine späte Lerche ihren Sommer nicht vergessen hat, oder vielmehr ihren Lenz heranjubelt, dann ist es ein Zeichen für Erneuerung und Wandel. Von sterbenden Idealen und falschen Lebensentwürfen aus entwirft die Autorin eine neue Kraft, die aus dem Verlust der Lebenslüge sich mit innerer Veränderung entfalten kann. Ihr gelingt es, ohne Bewertung gegenüber den einzelnen Personen auszukommen. Vielmehr bescheint sie ihre Protagonisten im Lichte unterschiedlicher Perspektiven. Damit gibt sie dem Leser freien Lauf für die eigene Reflexion.
Sich im 150. Jahr ihrer Geburt wieder an Lou Andreas-Salomé zu erinnern, gibt dieses Buch eine gute Gelegenheit. In ihrem Lebensrückblick schrieb sie einst, dass es nicht wichtig sei, es richtig und nur gut gemacht zu haben, "wenn nur, was wir zu fassen vermochten, Leben war und Leben wirkt und wir vom ersten bis zum letzten Tag daran schaffend blieben als Lebende", eben aus eigener Seele. ~~ Ostern 2011
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 24. April 2011 |