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Junge Liebe – Teil 14

Junge Liebe - Teil 14



Junge Liebe
Kapitel 2

Eine Geschichte über die Jugend, die Liebe und erste Male.
© 2012-2014 Coyote/Kojote/Mike Stone

XXXVII. – Epilog

Still stand Peter vor dem Grabstein und ließ den Kopf hängen. Die Trauergesellschaft im Hintergrund löste sich auf und ging ihrer Wege. Aber die Leute interessierten ihn gerade nicht.

Er sagte nichts. Es war schließlich nur ein Haufen Erde mit einem toten Körper darunter und einem Gedenkstein darauf. Kein… Tempel der Seele oder so etwas.
Er stand einfach nur da, starrte die Grabinschrift an und dachte an gar nichts. Hätte man ihn aufgefordert, etwas zu sagen, hätte er nicht einmal gewusst, was das wohl hätte sein sollen.

Als dann der bewölkte Himmel aufbrach und der kleine Friedhof, der zu seinem Heimatdorf ebenso gehörte, wie zum Nachbarort, in strahlenden Sonnenschein getaucht wurde, blickte er schließlich auf.
Das Timing war einfach zu perfekt, als dass nicht…
Fast musste er lächeln, als er die Schritte auf dem Kiesweg hörte.

„Bist du… fertig?”, fragte Nadia sanft.
Peter nickte. Und dann drehte er sich um und sah seine Freundin an, die mit diesem kleinen Funken Sorge in den Augen seinen Blick erwiderte, den sie seit jener Nacht vor genau einem Monat immer zeigte, wenn er zu nachdenklich wurde.
So wie er es heute eindeutig gewesen war.

Langsam setzte er sich in Bewegung. Das Bein schmerzte noch immer, wenn er es belastete. Und das würde es auch noch eine ganze Zeitlang tun, sagten die Ärzte. Schließlich hatte er eine Kugel hinein bekommen.
Mit jedem leichten Zucken in seiner Miene wurde seine Freundin unruhiger und schließlich wartete sie nicht mehr länger, sondern glitt an seine Seite. Und er ließ sie unter seinen Arm schlüpfen und ihn ein wenig stützen.
Auch wenn das eigentlich wirklich albern war.

Und noch alberner wurde es, als wenige Schritte weiter Patty von der Bank aufstand, auf der sie gewartet hatte, und an seine andere Seite trat.
„Ich kann mittlerweile wieder alleine laufen”, beschwerte er sich.
„Musst du aber nicht”, gab seine… zweite Freundin zurück. „Du hast nämlich uns.”
„Die Ärzte sagen, ich soll das Bein vorsichtig belasten”, widersprach er.
„Und das hast du heute lang und schmutzig getan”, wurde er belehrt.
Und zwar zweistimmig.
Widerspruch war demnach zwecklos.

Seufzend ergab er sich in sein Schicksal und sie verließen gemeinsam den Friedhof in Richtung Parkplatz. Dort stand Oma Renate zusammen mit dem Pastor, der die Grabrede gehalten hatte.
Als sie näherkamen, blickte der Gottesmann auf und seufzte leise. Was ihm missfiel, war Peter durchaus bewusst. Aber das war ehrlich gesagt das Problem des Kirchenmannes.

„Danke für die schöne Rede”, sagte seine Oma zum Abschied zu ihm. „Sie hätte sich gefreut, sie zu hören.”
„Sie hat es gehört, Renate”, lautete die Antwort. „Sie ist jetzt bei unserem Vater im Himmel und hört und sieht alles.”
„Da bin ich sicher”, erwiderte die Rentnerin und schoss einen warnenden Blick in Richtung des Trios ab.
„Ich wünschte, er würde nicht nur zusehen, sondern auch mal was unternehmen, wenn die Kacke so richtig am Dampfen ist”, murmelte Nadia dennoch.
„Ich versichere dir, meine Tochter”, gab der Pater sofort zurück als hätte er nur darauf gelauert, dass sie das Wort ergriff, „Er sieht alles und am Ende aller Tage wird jeder für seine Taten gerichtet werden.”

So ziemlich nichts auf der Welt hätte Peter dazu bringen können, sich in diese Diskussion einzumischen. Auch wenn er niemals von Nadia verlangen würde, ihre Meinung zurückzuhalten. Egal, was seine Oma davon hielt.
Aber die Art, wie der Pastor dabei nacheinander seine beiden Freundinnen abschätzig musterte und dann kurz einen strafenden Blick auf ihn warf, war inakzeptabel.

Es lag auf der Hand, dass es dem Priester nicht gefiel, auf seinem Friedhof zwei Frauen anzutreffen, die in seinen Augen wohl ‚frivol‘ gekleidet waren. Wobei Peter fand, dass sie sich, dem heutigen Anlass gemäß, sogar noch sehr zurückhielten.
Beide trugen schwarze Kleider, die bis zur Mitte der Oberschenkel reichten und vorne hochgeschlossen waren. Nur die Rückenausschnitte waren mit verwegen noch ein wenig unzureichend beschrieben, weil sie wirklich bis hinunter zum Po reichten. Und die freie Haut sowie die enganliegenden Schnitte verrieten auch, dass es an Unterwäsche absolut sicher mangelte.
Aber das ging den Pfaffen verdammt noch mal nichts an. Und was er von den Gerüchten hielt, die über die Drei kursierten, war Peter ebenfalls scheißegal.

„Wo war Gott eigentlich, als mich mein Bruder vergewaltigt hat?”, fragte allerdings Patty, bevor er sich seine Worte zurechtgelegt hatte. „Bei einigen Dutzend Malen hätte er reichlich Zeit gehabt, mal was zu unternehmen, finde ich. Oder schaut er lieber zu?”
Der Pastor sah aus, als hätte man ihm einen Tintenfisch ins Gesicht geklatscht. Nach Luft schnappend suchte er nach einer passenden Erwiderung, aber er bekam keine Gelegenheit dazu.
„Sie entschuldigen uns?”, fragte Nadia. „Wir müssen auf eine Orgie zu Ehren des Teufels.”

Peter war nicht exakt nach Grinsen zumute, als sie alle in seinen Wagen stiegen. Und seine Oma sah aus, als wäre ihre Miene aus Granit. Aber sie sagte nichts, bis Nadia das Auto vom Parkplatz gesteuert hatte.
„Wenn ihr noch einmal so mit dem Pastor redet, werde ich euch alle der Reihe nach übers Knie legen”, verkündete sie dann. „Ganz egal, wie sehr er es verdient haben mag.”
„Ja, Oma”, bestätigten sie alle drei nacheinander artig.
„Verlogene Lausebande!”, beschwerte sich die Rentnerin daraufhin entrüstet. „Euch werd ich heimleuchten!”

Peter entspannte sich auf dem Beifahrersitz. Wie wütend sie wirklich war, hatte er nicht genau abschätzen können. Aber nun war klar, dass sie es ihnen nicht übel nahm.
Seit jener Nacht hatte sie sich verändert. Sie alle hatten sich verändert. Und manchmal machte es das schwer, die Reaktionen abzuschätzen, weil auch die sich natürlich verändert hatten.
Sie waren alle gerade dabei, mit den Veränderungen zurechtzukommen.

*****

Walther war nicht wirklich überrascht, als er den Wagen des jungen Bübler erblickte, wie er sich der Auffahrt näherte. Er war selbst gerade ausgestiegen, nachdem er mit seiner Frau auf der Trauerfeier gewesen war. Soviel zumindest – da hatte Renate wohl recht – waren sie ihr schuldig gewesen.
Also hatte er sich von Elfriede den Sonntagsstaat herauslegen lassen und sich notgedrungen in Schale geworfen. Anders hätte seine Frau ihn nicht mitgenommen und zu Hause gelassen hätte sie ihn natürlich auch nicht.
Bei der Entscheidung zwischen unbequemem Anzug und lautstarkem Streit, der zu unbequemen Anzug führte, hatte er weise auf die Streiterei verzichtet.

Als er die Haustür geöffnet hatte, damit der Fritz schon einmal an die frische Luft konnte, fiel sein Blick auf die Fahrerin des Autos und er zögerte nicht, sich einzugestehen, dass er den Peter ein ganz klein wenig beneidete.
Zwar trug der Junge ordentliche Kleidung, aber seine Liebste – oder die eine seiner beiden Liebchen, wie es im Grunde unverkennbar wirklich war – hätte ihn nicht in den furchtbaren Aufzug gezwungen, den er so hasste. Sie zwang ja nicht einmal sich selbst in etwas, was ihr nicht gefiel.
Und insgeheim hatte er da auch nicht wirklich etwas dagegen.

„Diese Kinder”, murmelte seine Frau kopfschüttelnd, als die drei zusammen mit Renate aus dem Wagen stiegen.
In ihrer Stimme lag eine gewisse Missbilligung, wie es auch zu erwarten war. Nicht, dass Walther selbst so sehr etwas an den engen, kurzen Kleidchen auszusetzen hatte, aber für eine Beerdigung – selbst wenn sie strenggenommen nicht direkt daran teilgenommen hatten – war es doch ein unpassender Aufzug.
„Als ich in dem Alter war…”, schnaubte sie.
„Hättest du keinen Deut schlechter in so einem Kleid ausgesehen”, hakte er unwillkürlich ein.

Elfriede fuhr herum und musterte ihn. Aber es lag weniger Schärfe in ihrem Blick, als er eigentlich ob seiner unbedachten Worte befürchtet hätte.
„Kaum schlechter?”, fauchte sie, nicht ohne einen eindeutig spielerischen Unterton. „Warst du es nicht, der mir ein Liedchen auf meine beiden Hügel dichtete, die… Wie war das noch?”
„Alle anderen Berge dieser Welt in den Schatten stellen”, half er ihr aus. „Sapperlot! Das weißt du noch? Ich dachte.. diese Peinlichkeit hättest du längst vergessen.”

Nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen stockte Walther der Atem, als seine Frau ihn mit einem Ausdruck anblickte, den er in den Jahrzehnten davor schon fast vergessen hatte. Kokett blinzelnd und mit einem Hauch Rot auf den Wangen, schmunzelte sie.
„Vergessen, wie du vor mir knietest und es sogar geschafft hast, nicht nur dauernd auf die Hügel zu starren, denen du dein Ständchen brachtest, Walther Müller?”, hauchte sie leise. „Bei dem, was du danach mit mir und meiner armen, ahnungslosen Unschuld angestellt hast? Also wirklich…”
„Mach nur so weiter”, brummte er ganz und gar nicht brummig, „dann zeig ich deiner Unschuld gleich noch einmal, was eine Harke ist.”

Kurz verfluchte er das Vierergespann, das sie nun erreichte. Wären sie allein gewesen, hätten sie wohl nun gleich noch einmal gefeiert, dass sie so eine Art zweiten Frühling erlebten. Stattdessen musste er sich aber zusammenreißen und sich dem Ursprung dieses frischen Winds zuwenden, wenn man so wollte.
Denn wem sonst, wenn nicht diesen unmöglichen Kindern, war das wohl zu verdanken…?

Wieder einmal versetzte es ihn in Erstaunen, dass allen voran die kesse Blondine sich nicht mit einem Handschlag abspeisen ließ. Einmal hatte sie gezögert und sich bei Elfriede die Erlaubnis eingeholt, aber nun fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn, wie sie es seit jener Nacht im Wald immer tat.
Und die kleine Patrizia, an die er nicht mehr guten Gewissens als das ‚Pfaffer-Mädchen‘ denken konnte, weswegen nicht nur er sie mittlerweile als die ‚Bübler-Patty‘ betrachtete, die sie nur dem Namen nach nicht war, tat es dem Wirbelwind sogleich nach.
Nur der Peter beschränkte sich, wie es eben seine weniger stürmische Art war, auf einen festen Händedruck. Renate hingegen drückte ihn rasch, wie sie es aber ja nun schon immer getan hatte.

Nachdem dann alle Umarmungen verteilt waren und auch Elfriede von jedem geherzt worden war, lud er sie alle ins Haus ein, wo er die Kinder mit an den Esszimmertisch nahm, damit die Frauen einen Kaffee aufsetzen konnten.
„Um der Wahrheit die Ehre zu geben, weiß ich nicht recht, was ich dir sagen soll”, meinte er in Richtung von Patrizia.
„Schon okay”, antwortete die gelassen. „Sie ist tot und ich bin nicht unglücklich deswegen.”
„Ich bin sicher, sie wollte nie…”, setzte er an.
„Sie wollte vielleicht nicht, aber sie hat, Onkel Walther”, unterbrach die Kleine ihn. „Und sie hat auch ohne den Dachschaden, den Pierre ihr verpasst hat, schon lieber geschrien oder geschlagen und ihren Frust an mir ausgelassen.”

Dagegen ließ sich nichts sagen, wie er eingestehen musste. Elvira Pfaffers Tochter war schon immer ein Sorgenkind gewesen. Hatte ihrer Mutter viel Kummer bereitet und keinen rechten Weg gefunden. Und niemand im Dorf hatte sich so recht aufraffen können, sie zurück auf die richtige Bahn zu führen.
„Ehrlich gesagt bin ich irgendwie erleichtert”, sagte Patrizia noch. „Statt Tanja liegt nun meine Mutter unter der Erde, ich bin frei… und glücklich. Alles hat sich zum Guten gewendet.”
„Dann ist die Tanja nun außer Lebensgefahr?”, erkundigte er sich erfreut.
„Die Ärzte sagen, sie könne jeden Tag wieder zu Bewusstsein kommen, aber noch kann niemand etwas Genaues sagen”, erklärte Peter.

„Na, wenn das mal nicht…! Hörst du, Elfriede? Die Tanja…”, rief er.
„Jaja, Walther”, kam die Antwort aus der Küche. „Ich weiß doch schon. Oder was glaubst du, worüber wir hier reden, du Torfkopf?”
„Werd mal nicht frech, Mädel”, gab er vergnügt zur Antwort. „Sonst singe ich dir nachher nicht das Lied von den Hügeln.”

Die Kinder verstanden diese Andeutung natürlich nicht. Sie lächelten, weil er mit seiner Frau ausgelassen scherzte. Aber Elfriede schob den Kopf ins Zimmer und starrte ihn mit großen Augen an. Und er nickte, um ihr zu bestätigen, dass er genau das gemeint hatte.
Die roten Bäckchen, mit denen sie in die Küche zurückkehrte, sollte sie man schön selbst der guten Renate erklären…

„Hast du nun noch Ärger von der Polizei zu befürchten?”, erkundigte sich Peter, den dieser Schuh wohl weiterhin drückte.
„Nah…”, machte Walther und winkte ab. „Erst wollten sie sich ja gar nicht mehr einkriegen, aber wie sich dann herausgestellt hat, dass die Bande selbst reichlich Schießeisen dabei hatte. Und sogar Verbindungen zu irgendwelchen Menschenhändlern und dergleichen…
Notwehr wird’s wohl werden und nochmal sollte ich sowas nicht machen. Aber das wars dann auch…”

Das klang so lapidar, obwohl es seinem alten Freund Erich doch ein paar graue Haare bereitet hatte. Eine Luger und eine Maschinenpistole aus dem Krieg waren eben doch was anderes als ein Jagdgewehr. Wären die beiden Polizisten im Streifenwagen, der zuerst am Ort des Geschehens war, nicht solche Jungspunde gewesen, wäre das wahrscheinlich nicht gar so schlimm gewesen. Aber so hatten sich die Hosenscheißer kaum eingekriegt, als sie sich einen Überblick verschafften.
Zum Glück jedoch war man hier nicht in der Großstadt. Der Staatsanwalt war ein vernünftiger Mann, die nun ermittelnden Beamten kannte Walther fast alle von der Bundeswehr und der zuständige Richter wohnte selbst im Nachbardorf und war ein alter Freund.
Da war kein Grund zur Sorge. Außer natürlich für die Mistkerle, die jetzt in Untersuchungshaft saßen.

„Ich fasse immer noch nicht, dass es nicht einmal in den Zeitungen stand”, meinte die kesse Nadia. „Normalerweise hätte das die erste Seite der Bildzeitung komplett einnehmen müssen. Die stürzen sich doch auf sowas, wie Haie, die Blut gerochen haben.”
„Aber nur, wenn sie Wind davon bekommen, dass es sich lohnt”, erklärte Walther. „Und wenn die Lokalzeitungen es nur auf Seite zwölf in einem winzigen Artikel erwähnen, ist es wohl nicht aufsehenerregend genug.”

Der Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens war nicht gänzlich erleichtert. Wie es schien, machte sie sich ihre ganz eigenen Gedanken darüber, was ein so effektives Netzwerk alter Freunde noch alles anstellen konnte. Und wenn er die Seitenblicke richtig deutete, die sie auf ihre beiden Begleiter warf, drehte sich ihre Sorge in diesem Fall wohl eher um moralische Aspekte.
„Mach dir man keine Gedanken”, sagte er daher ganz offen. „Wir mischen uns schon nicht in Privatangelegenheiten. Deswegen konnte es ja überhaupt erst soweit kommen.”
So ganz beruhigt sah sie daraufhin allerdings noch nicht aus. Also fügte er hinzu: „Und wenn man mal über die schamlose Unverschämtheit hinwegsieht, ist es ja doch ganz niedlich, was ihr Kinder so anstellt.”

Mehr Ermutigung würde es nicht geben. Zu sehr die Zügel schießen lassen durfte man dem Jungvolk nicht. Missbilligende Blicke und anständige Entrüstung waren immerhin das Einzige, was die paar brauchbaren Jugendlichen von heute noch davon abhielt, völlig außer Rand und Band zu geraten.
„Wie geht es deinem Bein?”, wechselte er das Thema und wandte sich an Peter.

„Es juckt und zieht gelegentlich”, antwortete der Junge. „Ich werds überleben.”
„Sicher wirst du das. Hast Glück gehabt.”
„Wohl eher ein ganzes Rudel Schutzengel”, widersprach er. „Und deswegen will ich dir auch noch einmal danken. Ohne dich und Oma…”
„Nun, nun…”, meinte Walther ergriffen. „Schon gut, mein Junge.”

*****

Kenny stand unter Strom wie selten zuvor. In gewisser Weise war er sogar aufgeregter, als in dieser Nacht vor vier Wochen. Und das lag ganz einfach daran, dass er festgehalten wurde.
Seitdem es ihm erlaubt wurde, hatte er an Tanjas Bett gesessen. Zuerst auf der Intensivstation und nun in ihrem Krankenzimmer, wo sie seit einigen Tagen langsam aus dem künstlichen Tiefschlaf erwachte.

Eigentlich war es nicht erlaubt, dass er wirklich fast die gesamte Zeit im Krankenhaus verbrachte. Weswegen Kenny den Schwestern auch sehr dankbar war, die ihn deckten. Warum auch immer sie das taten und ihn dabei immer so mitfühlend ansahen…
Die ganze Zeit über hatte er versucht, Tanja das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein war. Er hatte ihr alles, was geschehen war, wohl hundert Mal erzählt. Und dazu auch noch jedes Erlebnis aufgewärmt, dass er mit ihr teilte. Und alle möglichen Dummheiten, die er im Laufe der Zeit verzapft hatte.
Er redete einfach, ohne wirklich darüber nachzudenken. Und seine dauerhafte Müdigkeit, weil er sich kaum ein paar Stunden Schlaf am Stück gestattete, machte daraus wohl ziemlich sinnloses Geplapper. Aber die Schwestern meinten alle, dass Tanja ruhiger war, wenn er ihre Hand hielt und auf sie einredete. Und das war wohl eine gute Sache.

Vor einigen Stunden nun hatte sie seine Hand gepackt und den Druck erwidert. Nicht fest, aber er hatte es gespürt.
In seiner grenzenlosen Aufregung hatte er sofort das halbe Krankenhaus alarmiert, nur um gesagt zu bekommen, dass es völlig normal sei. Sie wachte eben langsam auf und ihr Körper fing nun wieder an, sich mehr zu bewegen. Es musste noch nicht einmal wirklich etwas bedeuten.
Aber Kenny wusste es besser. Er merkte deutlich, wie der Druck stärker wurde, wenn er seine Hand auch nur einen Millimeter bewegte. Als wolle sie keinesfalls zulassen, dass er fortging.
Und selbst wenn… selbst wenn sie ihn für Peter hielt – was er stark annahm – war das wichtig. Es zeigte, dass sie ins Leben zurückkehrte.

Er dachte nicht daran, sie in diesem Zustand alleinzulassen. Irgendwer sollte Peter und Oma Renate und natürlich Tanjas Vater anrufen, aber dieser ‚Jemand‘ würde nicht Kenny sein.
Er blieb eisern an ihrer Seite und redete weiterhin einfach drauflos. Und er hielt ihre Hand, damit sie wusste, dass sie erwartet wurde, wenn sie die Augen aufschlug. Selbst wenn es nicht derjenige war, den sie sicherlich an ihrer Seite vorfinden wollte.

Kenny war kein Idiot. Er wusste schon lange, dass Tanja ihren Cousin wahrscheinlich liebte. Und zwar auf eine nicht wirklich verwandtschaftliche Weise. Und seit Kurzem war ja auch klar, woher ihre komischen Anwandlungen kamen. Das einst so rätselhafte Puzzle war ziemlich weitgehend gelöst.
Aber das änderte nichts daran, dass Peter sie nicht so liebte, wie sie sich das wünschte. Und dass dafür Kenny schon so lange in sie verknallt war, auch wenn sie das nicht interessierte.
Und dass wiederum war kein Grund, nicht an ihrer Seite zu sitzen und sich um sie zu kümmern. Ob nun aus Freundschaft oder Liebe, spielte da ja nun wirklich keine Rolle.

Er war wirklich eisern. Und fest entschlossen. Aber im Leben eines jeden Menschen kam der Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Der Punkt, an dem man entweder zur Toilette ging oder sich in die Hose machte.
Und bevor das geschah, musste er dann doch notgedrungen seine Hand aus dem längst fühlbar starken Griff lösen und sich erheben. Müde schlurfte er aus dem Zimmer und zur nächsten Toilette. Den Weg fand er praktisch im Schlaf.
Und der Schlaf fand ihn dann, als er auf der Toilettenschüssel saß. Jedenfalls war er eindeutig nicht nur ein paar Sekunden weggenickt, als er wieder aufwachte, sondern lehnte mir schmerzendem Nacken an der Trennwand zu seiner Linken und hatte Schmerzen in so ziemlich jeder Körperregion.
Rasch machte er sich sauber und zog sich wieder an. Auf dem Weg zum Waschbecken, wo er sich auch Gesicht und Nacken wusch, murmelte er leise fluchend vor sich hin. Und dann beeilte er sich, zu Tanja zurückzukehren, die er weiß Gott wie lange allein gelassen hatte.

„Ach”, meinte eine der Stationsschwestern auf dem Gang, als sie in sah. „Du bist ja doch hier. Ich dachte mir doch, dass du nicht nach Hause gegangen bist.”
„Wieso?”, fragte er sofort alarmiert. „Was ist passiert?”
„Ganz ruhig”, meinte sie sanft. „Deine Freundin ist nur unruhig geworden. Kein Grund zur Sorge.”
Erleichtert atmete er auf.
„Aber sie fragt jetzt dauernd nach dir”, fügte die Frau ganz beiläufig hinzu.

„W-was?”, keuchte Kenny fassungslos. „Sie spricht?”
„Na, so langsam ist sie wieder wach. Und scheinbar vermisst sie dich ziemlich.”
„Sie… sie fragt nach… Peter?”
„Peter?”, wollte die Schwester verblüfft wissen. „Heißt du nicht Kenny?”

Er ließ sie stehen. Er konnte es zwar nicht glauben, aber wenn auch nur ein Fünkchen Hoffnung bestand, dass es wahr sein mochte, musste er es mit eigenen Ohren hören.
Wie von Teufeln gehetzt rannte Kenny zurück zu Tanjas Zimmer, wo eine andere Schwester gerade beruhigend auf sie einredete, während Tanja sich unruhig in ihrem Bett hin und her bewegte.

„Schau”, meinte die ältere Frau sanft. „Da kommt dein Freund ja schon…”
„Kenny?”, nuschelte Tanja undeutlich.
Nun… Okay, es war nicht ganz sicher, ob sie Kenny sagte. Es klang so ähnlich, aber es war ohne den geringsten Zweifel nicht Peters Name, den sie da von sich gab.

Die Krankenschwester lächelte nachsichtig, als Kenny fast über seine eigenen Füße stolperte, um so schnell wie möglich wieder seinen Stuhl zu erreichen. Tanjas leicht erhobene und in der Luft herumtastende Hand hatte er schon ergriffen, bevor er überhaupt saß.
„Ich… Ich bin hier, Tanja”, japste er atemlos. „Ich bins, Kenny…”
„Kenny…”, seufzte sie – diesmal war es eindeutig – und entspannte sich sichtlich.
„Ich bin hier, ich bin hier”, murmelte er immer wieder und küsste ihre Hand, die seine nun spürbar fest ergriffen hatte.

*****

„Ich werde ihn vermissen”, seufzte Angelika, die in der Zimmertür stand, leise.
Ruth blickte sie an und schmunzelte über den leicht verträumten Ausdruck im Gesicht ihrer jüngeren Kollegin.
„Noch bleibt er uns für eine Weile erhalten”, ermahnte sie vielleicht ein ganz klein wenig barsch.
„Tu nicht so, als hättest du ihn nicht ins Herz geschlossen”, sagte ihre Kollegin ihr direkt auf den Kopf zu. „Wir haben alle längst kapiert, dass er sogar unseren Hausdrachen erweichen konnte.”

Ruth schnaubte und sah Angelika böse an, aber im Grunde musste sie einräumen, dass die andere recht hatte.
Dieser schlaksige Bursche war wirklich rührend in seiner Sorge. Und völlig blind, was alles um ihn herum anging. Anfangs war er ein Ärgernis gewesen, denn im Grunde stand er ständig im Weg, wenn die Schwestern sich um das Mädchen mit der Schusswunde im Bauch kümmerten.
Aber wenn dieser Kerl zweimal bei etwas zugesehen hatte, packte er einfach mit an und die Art, wie er sich um seine Freundin ohne die geringste Rücksicht auf sich selbst kümmerte, war schon…

Was machte es, ihm eine Mahlzeit zuzuschieben und ihn ab und zu einige Stunden in einem freien Bett schlafen zu lassen, wenn seine Anwesenheit so einen beruhigenden Einfluss auf die sedierte Patientin ausübte? Die Ärzte mussten es ja nicht erfahren.
Und nun, wo das Mädchen aufwachte, konnte selbst ein Blinder sehen, wie heftig sie seine Gefühle erwiderte. So eine starke Liebe war schon wirklich beneidenswert.

„Zeig ihm, wie er die Stäbchen benutzen soll, um ihren Mund und ihre Lippen zu befeuchten”, wies sie Angelika an. „Und achte darauf, dass sie sich nicht überanstrengt, wenn sie ihre Bekanntschaft erneuern.”
„Gar keine Kussverbote?”, stichelte die andere.
„Ich bin vielleicht ein Drache, aber nicht herzlos”, versetzte Ruth. „Und danke, dass du übermorgen Hannahs Nachtschicht übernimmst.”
„Aber…”

Mehr als ein ganz ernstgemeinter, strafender Blick war nicht nötig, um die Rangordnung wieder herzustellen.
Ruth war nicht herzlos, aber ohne eine strenge Hand würden die jungen Schwestern und die völlig arglosen Ärzte dafür sorgen, dass diese Station im Chaos versank. Und das würde nicht passieren, solange Ruth die Verantwortung trug.

*****

Etwa fünf Wochen später wunderte sich ein Goldschmied namens Hermann über die drei jungen Frauen in seinem Laden.
Die Hellblonde kannte er. Sie hatte einige Sonderanfertigungen bei ihm beauftragt und war nun wieder hier, um diese abzuholen. Die anderen beiden schienen Freundinnen von ihr zu sein.
Jedenfalls auf den ersten Blick.

Sah man genauer hin, hatte die Art, wie sich die beiden Blondinnen im Arm hielten, etwas entschieden mehr als freundschaftliches. Es lag eine Art intimer Vertrautheit in ihrem Umgang, die ihn unwillkürlich an ein Liebespaar denken ließ. Und das war zwar nicht völlig unbekannt, aber doch recht neu, selbst wenn man das Ende der Sechziger Jahre sehr aktiv miterlebt hatte.
Aber wirklich verwirrend war es eigentlich erst im Zusammenhang mit dem Auftrag.

Hermann gab sich keine Blöße. Es war ja schließlich auch nicht so, als mache es ihm etwas aus. Nur seine Neugier weckte es ein klein wenig. Und vielleicht beflügelte es auch um eine Winzigkeit seine Fantasie.
Ganz professionell breitete er die fertiggestellten Arbeiten auf einer Unterlage auf dem Tresen aus. Sie waren exakt so angefertigt worden, wie die energische Blondine es wollte.
Sie hatte seinen Ratschlag, ihn das Material etwas stärker bemessen zu lassen, weil eine so filigrane Ausführung doch sehr zerbrechlich sei, in den Wind geschlagen. Aber wenn sie dafür bezahlte, sollte sie bekommen, was sie haben wollte.

Da es sich offenbar um eine Überraschung handelte, folgte Hermann sogleich dem Wink seiner Kundin, eines der Schmuckstücke zunächst beiseite zu nehmen. Dann lauschte er nicht ohne Stolz der Beurteilung aller drei Frauen, was die Ausführung angeht.
„Ohh…!”, machte die weißblonde, etwas zierlichere Frau ergriffen.
Zaghaft streckte sie eine leicht zitternde Hand aus und berührte die beiden Herzen aus Weißgold.
„Nadia! Die sind… wunderschön!”, hauchte sie. „D-die… sind die… für mich?”
„Natürlich, du Nase”, kicherte die Angesprochene. „Was dachtest du denn?”

Der Kuss, mit dem sich die Kleinere bei ihrer Freundin bedankte, ließ Hermann kurz den Mund offen stehen. Er hatte schon den einen oder anderen leidenschaftlichen oder liebevollen Kuss in seinem Laden erlebt. Meistens, wenn es um Ringe ging. Aber zwei bildhübschen, jungen Dingern dabei zuzusehen, wie sie sich völlig hemmungslos ineinander verloren, war… außergewöhnlich!
Währenddessen trat die gertenschlanke Rothaarige näher und sah sich die Stücke an. Und da war etwas wie Wehmut in ihrem Blick, als sie sie zur Hand nahm.
‚Sei nicht traurig. Du kommst gewiss auch noch dran‘, dachte er sich unwillkürlich, denn was er beiseitegelegt hatte, war sicherlich nicht ohne Grund aus einer Kupferlegierung gemacht, sodass es deutlich rot glänzte.

Vorsichtig und ehrfürchtig nahm sie eines der Stücke, die Hermann an kurzen, kaum einen Zentimeter langen Kettchen hatte befestigen sollen. Sie hielt es eben daran und sah dabei zu, wie sich der herzförmige Anhänger leicht hin und her drehte. Aber ihr Hauptaugenmerk galt dem Namen, der sich als Schrift durch den ansonsten leeren Rahmen zog.
‚Peter‘, lautete dieser bei dem Stück, das sie ergriffen hatte.

„Ich brauche unbedingt eine Halskette dafür”, freute sich die kleinste und wohl auch jüngste des Trios, nachdem sie sich von ihrer Freundin gelöst hatte.
„Glaube ich nicht”, meinte die Rothaarige leise und zum ersten Mal sah Hermann ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht huschen.
„Aber…”, meinte die Weißblonde.

Die Nadia unterbrach sie, indem sie die beiden Herzen aus Gelbgold ergriff. Diejenigen, mit den Namen ‚Peter‘ und ‚Patty‘ darin.
Hermann konnte sich ein überraschtes Keuchen nicht verkneifen, als sie sich die beiden Stücke mit den Enden der Kettchen dort an die Brust hielt, wo er ohne Probleme die Wölbungen ihrer Brustwarzen auszumachen vermochte.
Das hatte er nicht einmal im Entferntesten kommen sehen.

Ähnlich ging es allerdings wohl auch der Weißblonden. Der, deren Name doch nicht etwa Patty lauten würde…?
Im Gegensatz zu der kaum merklich schmunzelnden Rothaarigen riss die ihre Augen weit auf und wurde dann sichtlich rot. Aber in ihre schockierte Verlegenheit mischte sich auch sogleich so eine Art vorfreudiger Aufregung.
„D-das würde ihm gefallen, oder?”, hauchte sie.
„Du hast gesehen, wie er schon auf meine Stäbchen reagiert hat. Das hat mich überhaupt erst auf die Idee gebracht”, erwiderte Nadia. „Aber natürlich musst du entscheiden, ob du das willst. Oder vielleicht auch nur eines davon…”

„Nadia”, unterbrach die Kleinere ihre Freundin, als sich ein leichter Hauch von Zweifel in deren Stimme einschlich. „Das Einzige, was mich noch glücklicher macht, als euch beide ganz nah am Herzen zu tragen, wo ihr hingehört, ist zu wissen, dass du mich auch so nah bei dir wissen willst.”
Und damit wiederholte sich die leidenschaftliche Kussdarbietung noch einmal und Hermann fühlte, wie ihm ein oder zwei Schweißtropfen auf die Stirn traten.
„Machen Sie sich nichts draus”, raunte die Rothaarige ihm zu. „Diese Wirkung haben sie auf jeden.”

Nach dem langandauernden Liebesspiel zweier weiblicher Zungen ohne den allergeringsten Anflug von Scham wandte sich Nadia ihm zu und sagte mit strahlendem Lächeln und funkelndem Blick:
„Ich bin tausendprozentig zufrieden. Und jetzt hätte ich gern noch das andere Stück.”
Hermann schluckte, weil er fast weiche Knie bekam, wenn sie ihn so anstrahlte. Aber er schaffte es, ihr das letzte Teil so in die ausgestreckte Hand zu legen, dass niemand einen Blick darauf werfen konnte.

Wieder an diejenige gewandt, die ja nun eindeutig als Patty identifiziert war, erkläre sie:
„Als ich auf die Idee kam, war ich mir noch nicht ganz sicher. Aber jetzt bin ich froh, dass ich noch etwas habe machen lassen. Was meist du dazu?”
Von ihrem Körper gedeckt zeigte sie das Herz aus der Kupferlegierung und Pattys Augen weiteten sich, während sie ein plötzliches Grinsen mit der Hand verdecken musste.
Enthusiastisch nickte sie.

Der Rotschopf stand derweil da und tat, als ob sie sich nicht dafür interessierte. Aber selbst Hermann fiel auf, dass sie nicht nur neugierig war, sondern auch traurig.
Es war keine Enttäuschung, sondern eher wie eine seltsame Melancholie, die diese junge Frau umgab. Und die Art, wie sie diese trug, ließ sie fast ein wenig würdevoll erscheinen. Aber eben auch traurig.

Hermann rätselte für sich selbst ein wenig und wagte im Geiste eine Interpretation dessen, was er angefertigt hatte.
Für die beiden Blondinen waren es jeweils zwei Herzen. Eines mit dem Namen der anderen und je eines mit dem Namen Peter. Was vermuten ließ, dass dieser Bursche ein unglaublicher Glückspilz sein musste. Vor allem, wenn er alle vier Schmuckstücke schlussendlich dort im Augenschein nehmen durfte, wo sie offenbar angebracht werden sollten.
Das fünfte Stück hatte allerdings einen anderen Namen darin. Und es unterschied sich außerdem in einem weiteren kleinen Detail.

An den vier anderen Herzen hingen noch jeweils zwei ganz kleine Herzchen quer zum Außenrahmen. Sie waren nicht fest verbunden, sondern konnten zwischen den Stellen, wo die Namen mit dem Rahmen verbunden waren, hin und her rutschen.
Zwei weitere Herzen in den Rahmen konnten auf die beiden anderen Personen in dem hindeuten, was offenbar eine Art von Dreiecksbeziehung war. Aber das Herz aus der Kupferlegierung wies drei dieser Anhängsel auf. Und das ermöglichte noch eine andere Deutung.

Als Nadia herumwirbelte und sich der Rothaarigen zuwandte, hatte die einen angespannten Zug um die Augen. Aber der verschwand und machte einem Ausdruck völliger Fassungslosigkeit Platz, als sie das Schmuckstück sah. Und ihr entgingen die drei Anhängerchen in Herzform dabei keineswegs, wie ihre heftig zitternde Hand bewies, mit der sie genau dort das gesamte Stück berührte.
„Nadia”, keuchte sie mit erstickter Stimme. „Ich… verdiene das nicht!”
„Doch, Tanja”, erwiderte die Blondine. „Ihr beide verdient das. Und vielleicht sogar noch mehr…”

Hermann war bass erstaunt, die Rothaarige in Tränen ausbrechen zu sehen. In Strömen liefen sie ihr über die Wangen, auch wenn sie dem intensiven Blick ihrer Freundin nicht auswich.
Und sie wich auch nicht zurück, als die Blondie zu ihr trat und sie ganz langsam in die Arme schloss. Nicht einmal, als ein Kuss seinen Anfang nahm, der zwar nicht leidenschaftlich, aber doch immens gefühlvoll wirkte.

„Ich werde niemals vergessen, was du getan hast”, wisperte Nadia. „Nicht das Schlechte, aber auch nicht das Gute. Ohne dich gäbe es die Liebe meines Lebens nicht mehr und es war nicht deine Schuld, dass er in diese Situation geraten ist. Egal, wie du das siehst.
Also hast du damit deine Schuld abgetragen. So wie Peter dir schon verziehen hatte, als es passierte, habe ich dir längst vergeben. Und nun will ich dich und Kenny glücklich sehen. Weil ich… weil wir alle drei euch liebhaben.”

Hermann musste selbst schlucken, obwohl er gar nicht genau wusste, wovon die Rede war. Er verstand die Gefühle, die im Raum standen. Das genügte.
Höflich wandte er sich ab und zwinkerte seine Tränen beiseite, als die Rothaarige für einige Minuten zusammenbrach und haltlos in den Armen ihrer Freundinnen weinte. Diese seltsame und tief bewegende Versöhnung wollte er weder unterbrechen, noch stören.

Vielleicht würde er seiner Ruth davon erzählen. Auch wenn er angesichts der Rolle, die knackige Mädchenbrüste in der Sache spielten, eigentlich eher davon abgesehen hätte. Aber seit einiger Zeit war seine Süße irgendwie weicher geworden, nachdem er schon dachte, ihr Job als Krankenschwester würde sie langsam auffressen.
Diese romantische Geschichte würde sie sicherlich rühren. Und ganz offen gestanden war sie ihm ein wenig lieber, wenn sie schniefend vor Rührung in seinen Armen lag, als wenn sie ihn mit ihrem Kasernenhofton herumkommandierte.
Nicht, dass er seinen kleinen Drachen nicht geliebt hätte, aber wenn sie in so einer Stimmung war, konnte er es ihr einfach besser zeigen.

XXXVIII. – Epilog vom Epilog

Mehr über die Verwicklungen und ihre Beteiligten sollte Hermann an diesem Tag nicht erfahren. Er war nur zufälliger Zeuge eines kleinen Epilogs eines Kapitels einer Geschichte, die am Fuß einer Burgruine ihren Anfang genommen hatte.
Er wusste nichts von den Gestalten, die keine fünf Kilometer entfernt in einer Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft saßen und auf ihren Prozess wegen versuchten Mordes, schwerer Körperverletzung, unerlaubtem Waffenbesitz, Bildung einer kriminellen Vereinigung und diverser Anstiftungen und anderer Anklagepunkte warteten.
Er wusste auch nichts von den fast schon dramatischen Ereignissen, die an einer Bauruine im Wald eines nahegelegenen Dorfes stattgefunden hatten und zum Tode von einem führten, dem nicht einmal Hildegard alias Candy ernsthaft nachtrauern mochte.
Und Hermann ahnte auch kaum, wie weit seine ansatzweisen Fantasiebilder dessen, was diese jungen Leute mit ihren Partnern – und Partnerinnen – so erleben mochten, hinter der Realität zurückblieben. Oder dass seine Frau am kommenden Abend an seinen Lippen hängen würde, sobald sie die Namen Kenny und Tanja vernahm, um dann nach einem wirklich, wirklich romantischen Abend im Bett Dinge mit ihm anzustellen, die sie seit Jahren nicht mehr gemacht hatte.

Hermann hatte keine Ahnung davon, wie die Leben mancher Leute sich veränderten, die auch nur ganz kurz mit Nadia und Peter in Berührung kamen. Wie Walther und Elfriede ihren zweiten Frühling erlebten oder die Hände einiger anderer Paare in einem ganz bestimmten Dorf beim Spaziergang nun wieder ein wenig öfter zusammenfanden. Aber immerhin bekam er davon eine Kelle voll ab, die er in vollen Zügen mit seiner Frau genoss.
Und deswegen hätte es Hermann wohl auch nicht behagt, wie etwa in der Stunde, als er die drei jungen Frauen in seinem Laden hatte, ein Mann, den seine ‚Kollegen‘ den Bulgaren nannten, vom Tod des Arschlochs erfuhr, das ihm Frischfleisch der ganz besonderen Sorte versprochen hatte.
Nein. Der Wutausbruch dieses berüchtigten Cholerikers hätte ihm nicht zugesagt und er hätte wohl gebangt, ob der unberechenbare Typ seinen Entschluss, dieser Scheiße auf den Grund zu gehen, wohl wahrmachte oder wieder vergaß – was beides in etwa gleich wahrscheinlich war.

Hermann war nur ein zufälliger Gast in dieser Geschichte, in der seine Begegnung mit den drei Frauen ebenso eine Randnotiz darstellte, wie die Begegnung seiner Frau mit einigen Beteiligten.
Einer Geschichte, deren erstes Kapitel sich um zwei Menschen drehte, deren zweites Kapitel diesen Kreis auf fünf erweiterte und in deren drittes Kapitel sein Erlebnis gehörte.

Falls es denn jemanden geben würde, der dieses dritte Kapitel erzählte. Was nicht zuletzt davon abhing, ob denn jemand außer den Beteiligten sich für das dritte Kapitel interessieren mochte.
Ein Kapitel, das sich um drei Frauen, zwei Männer drehen würde. Und wahrscheinlich auch um weitere Leute, die womöglich Teil dieser seltsamen Fünfecks-Konstellation werden mochten. Und darum, wie sich dieses teilweise noch fragile Konstrukt entwickelte.
Und ziemlich wahrscheinlich um haufenweise langweiligen, immer wieder nur auf personalisierte Körperteile zentrierten, ausufernden und viel zu ausschweifend beschriebenen, den Fortgang der an sich fast schon mageren Rahmenhandlung dauernd verschleppenden und natürlich vor Superlativen und immer abartiger werdenden Schweinereien strotzenden Sex.

*****

Es bedanken sich Peter, Kenny und Patty für die Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wurde.
Nadia lächelt dazu und tut, als hätte sie nichts anderes erwartet, aber man hat sie erröten sehen, wenn sie so einige Kommentare erblickte.
Renate hingegen ist so gerührt, dass sie keine Worte findet und nicht dabei beobachtet werden mag, wie sie sich in ihr Stofftaschentüchlein schnäuzt. Sie rechnete nämlich niemals damit, dass so viele Leute ihre oft doch recht burschikose und vielleicht manchmal auf griesgrämige Art allen Ernstes liebenswert finden würden.

Und Tanja… Tja, Tanja…
Man kann sich vielleicht vorstellen, dass sie vor Tränen und dickem Kloß im Hals keinen Ton herausbringt, denn sie verdankt ja einige energischen Kommentatoren im Grunde ihr Leben und die Chance, noch einmal von vorne anzufangen.
Und wenn sie nicht gerade mit sich selbst hadert und sich vorwirft, das nicht verdient zu haben, ist sie doch manchmal wirklich froh, aus der Umarmung des Todes einmal öfter aufgewacht zu sein, als es das Schicksal eigentlich für sie geplant hatte. Und sich dafür in den Armen desjenigen wiederzufinden, bei dem sie am wenigsten damit gerechnet hätte, sich dort so geborgen zu fühlen…

All die anderen Leute, die ihre Auftritte hatten, ziehen vorüber und verneigen sich. Zwei Brüder allerdings bleiben sitzen und zeigen die Mittelfinger, wenn sie nicht gerade mit dem Arsch an der Wand lang schleichen, weil irgendwer das Gerücht gestreut hat, sie wären Vergewaltiger und ihre Mithäftlinge ihnen helfen wollen, diesen Begriff in aller Vollständigkeit zu verstehen.
Ein Hund bellt – wahrscheinlich Fritz – und die Karawane zieht weiter…

Über den Autor

Erotische Geschichte

Ich schreibe täglich erotische Geschichten. Ich bin Redakteur auf der Website, auf der wir aktuelle und lange Sexgeschichten veröffentlichen.

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